Porträts
Ohne ausländische Arbeitskräfte würde der öffentliche Verkehr in der Schweiz praktisch still stehen: Migratinnen und Migranten leisten einen unverzichtbaren Beitrag zu dessen reibungslosen Betrieb, worauf wir doch so stolz sind. Damit die Schweiz ist, was sie ist.
Doch wer sind diese Migrantinnen und
Migranten? Wie leben sie hier in der Schweiz? Was hat sie dazu bewogen,
in die Schweiz zu kommen? Auf dieser Seite werden wir in der nächsten Zeit den Migrantinnen
und Migranten ein Gesicht geben.
«Kriminellen sagten wir: So geht es nicht!»
SEV-Vizepräsident Manuel Avallone (49) wuchs als Secondo in Thun auf. Bei seiner Schule gab es einen Kiosk, und bei jedem Einbruch dort wurden sofort die Migrantensöhne verdächtigt. Diese galten auch als dümmer als die Schweizer und schafften nur selten den Sprung in die Sekundarschule. Doch beim Aufgabenmachen mit einem Schweizer Freund merkte Manuel, dass er nicht dümmer war. Er hatte Glück, dass er als Primarschüler die gewünschte Bauzeichnerlehre machen konnte. Später wurde er Gewerkschaftssekretär und Mittelschullehrer. «Wenn man uns Tschingg sagte, reagierten wir mit der Faust. Aber Kriminellen unter uns sagten wir: So geht’s nicht!» In den Ausländergemeinschaften werde so sehr oft positiv Einfluss genommen. Die italienische Gemeinschaft habe für die Rechte der Migrant/innen viel getan, sei aber ein wenig im Getto geblieben. «Integration muss von beiden Seiten kommen …»
«Die zwei schönsten Dinge sind Erziehung und Respekt»
Francesco Nicolò (69) kam 1960 mit 17 Jahren aus der süditalienischen
Provinz von Potenza, die damals sehr arm war, in die Schweiz, um hier zu arbeiten.
Zuerst verdiente er als Landarbeiter in der Gegend von Regensdorf/ZH 275 Franken
pro Monat. Später war er auf dem Bau tätig und zog in die Westschweiz. Noch
heute wohnt er mit seiner Frau Giovanna in Lausanne. Mit 38 Jahren – inzwischen
hatte er eine Familie mit zwei Kindern – wurde er Betriebsangestellter auf
dem SBB-Güterbahnhof in Denges, zuletzt arbeitete er auf dem Bahnhof Lausanne
im Hausdienst und in der Reinigung. Aus gesundheitlichen Gründen ging er 63-jährig
vorzeitig in Pension. Er hatte damals mehrere Beratungsgespräche und bekam
die Brücke bis 65 bezahlt, muss nun aber mit einem Rentenabzug leben. «Die
zwei schönsten Dinge im Leben sind Erziehung und Respekt», sagt Francesco Nicolò,
der mit seiner Frau zwei Tage in der Woche Grosskinder hütet. Beide sind an
die Migrationstagung in Olten gekommen, um sich z.B. über die Bedingungen für
die Einbürgerung zu informieren («diese war früher sehr teuer ») oder über
die Möglichkeit, ihre betagte Mutter in die Schweiz zu holen.
«Sprachkenntnisse sind das A und O»
Eugenio Tura wurde 1976 in der Schweiz geboren und wuchs
in Trimbach SO auf. Seine Eltern waren Mitte der 60er-Jahre eingewandert. Eugenio
machte die Verkehrsschule in Olten und 1995 bis 1997 bei der SBB eine Betriebsdisponentenlehre.
Seit drei Jahren ist er Teamleiter RCP (Regionale Cargo-Produktion) in Langenthal.
Im SEV ist er Präsident SBV Aarau-Solothurn, Mitglied von GAV-Konferenz und
-Ausschuss sowie seit zwei Jahren Mitglied der Migrationskommission. Er ist
auch im Vorstand des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Mit seiner Frau Franca
und seinen beiden Kindern (2 und 5) wohnt er in Buchs AG, wo er sich vor zwei
Jahren einbürgern liess. Wegen seines Migrationshintergrunds hatte er keine
speziellen Probleme ausser sprachlicher Art: Nachbarn halfen ihm beim Deutschlernen,
und bis zur Bezirksschule besuchte er zusätzlich die italienische Schule. Daher
musste er oft lernen, wenn andere spielten. «Das war manchmal schwierig, hat
mich aber gestärkt für die Zukunft. » Auf die Frage, wie die SBB die Migranten/-innen
stärker unterstützen könnte, erwähnt er die Sprachkurse: Das Angebot müsse
von den Betroffenen genutzt werden können. Neben deren Willen brauche es dafür
auch die Bereitschaft der Chefs, mal eine Tour zu kehren. «Sprachkenntnisse
sind das A und O. Denn nicht kommunizieren zu können oder andere falsch zu
verstehen führt ständig zu Problemen – nicht nur im Beruf. »
«Weisse und Schwarze müssen aufeinander zugehen»
Der aus Togo stammende Simon Dovi (40) wohnt seit etwa zehn Jahren in der
Schweiz und hat eine Hilfsorganisation gegründet, um seinen Beitrag zur Armutsbekämpfung
zu leisten.
«Wenn ich hier in der Schweiz satt bin, während in Togo Menschen nicht genug zu essen haben, lässt mir das keine Ruhe.» Dieser Graben zwischen reichen und armen Ländern beschäftigt Simon Dovi sehr. «Im Zeitalter der Globalisierung kannst du nicht mehr sagen, dass das, was in Afrika geschieht, dich nicht betrifft. In unseren Läden und Haushalten gibt es Produkte und Rohstoffe, die aus Afrika importiert wurden und weiter importiert werden.»
Weil er lieber handelt als theoretisiert, hat Simon Dovi vor zwei Jahren beschlossen, die Hilfsorganisation Centre international de développement et d’échange (CIDE) zu gründen mit dem Ziel, Hilfsprojekte in Togo zu organisieren, beispielsweise zur Unterstützung jugendlicher Mütter und Studierender in der aktuellen Finanzkrise, zur Wiederaufforstung von Wäldern oder zur Förderung der Aguti-Zucht (Agutis sind Nagetiere, deren Fleisch in Westafrika sehr geschätzt wird). Das Aguti-Projekt wird auch von Mitgliedern und Sektionen des SEV unterstützt, die von Patrick Rouvinez, dem Leiter der Lausanner Filiale von SEV Versicherungen, darauf hingewiesen wurden. Rouvinez ist ein aktives Mitglied der von Simon Dovi gegründeten und präsidierten Hilfsvereinigung.
«Ich bin geflohen»
Simon Dovi kommt nach seinen eigenen Worten aus einer «typisch afrikanischen, elastischen Familie», in der Geschwister und Halbgeschwister zusammen aufwuchsen. «Wir waren 13 Brüder und Schwestern, von denen 7 dieselbe Mutter hatten. Mein Vater arbeitete in der Kaffee- und Kakaobranche. Ich wuchs in einem ländlichen Milieu auf.»
Nach der Matur wurde Simon Dovi vom Christlichen Verein Junger Menschen (franz. UCJG, engl. YMCA, CH CEVI) angestellt, um bei französisch-togolesischen Entwicklungsprojekten mitzuhelfen. Diese Arbeit öffnete ihm die Augen für Ungerechtigkeiten: Korruption, Abholzung der Wälder, Elend. «Ich wurde damals auch politisch aktiv, was den Behörden nicht gefiel. Viele Jugendliche, die sich politisch betätigten, wurden verhaftet und deportiert. Von vielen fehlte jede Spur. Ich wollte nicht ihr Schicksal erleiden. Daher bin ich geflohen und in die Schweiz gekommen.»
Mit einer Schweizerin verheiratet
Im Jahr 2000 durchläuft Simon Dovi das gleiche Prozedere wie jeder Flüchtling in unserem Land: Er kommt zuerst in ein Empfangszentrum und dann in ein Asylantenheim. Der Zufall führt ihn nach Lausanne, wo er Anne- Marie kennenlernt. Sie ist Lehrbeauftragte an der ETH Lausanne. Die beiden heiraten und können zwei Jahre später Simon Dovis drei Mädchen aus Togo bei sich aufnehmen. Seither wächst die Familie weiter: «2007 hat Anne- Marie ein Mädchen geboren, und wir erwarten für November unser zweites Kind.»
Ärgerliche Vorurteile gelassen nehmen
Nach verschiedenen Jobs als Aushilfe in diversen Bauberufen konnte Simon Dovi bei den Lausanner Verkehrsbetrieben eine Ausbildung als Bus- und Trolleybusfahrer machen. «Ich liebe diese Arbeit, auch wenn ich manchmal mit aggressiven Kunden zu tun habe, die sich ungesittet oder gar rassistisch benehmen. »
Apropos Rassismus: Wie fühlt man sich in der Schweiz in der Haut eines Schwarzen? Simon Dovi weicht der Frage nicht aus: «Viele Personen tendieren dazu, uns Schwarze alle in einen Topf zu werfen und uns ausnahmslos für Sans-Papiers, Profiteure oder Dealer zu halten. Diese Haltung ärgert mich. Ganz zu schweigen von den Vorurteilen gegenüber Schwarzen, die eine weisse Frau geheiratet haben. Ich bin sicher, dass jedes gemischte Paar in der Schweiz ein Lied davon singen kann.» Simon Dovi hat auch erlebt, wie schwierig es für Menschen mit dunkler Hautfarbe ist, eine Wohnung zu finden. Doch er nimmt diese Dinge gelassen.
«Ich versuche stets, die gute Seite von allem zu sehen. Es nützt nichts, Hass zu kultivieren. Menschen, die uns mit Vorurteilen begegnen, ermuntere ich, einen Schritt auf uns zuzumachen und uns kennen zu lernen. Wir sind nicht alle Plünderer. Wir Weissen und Schwarzen müssen alle lernen, aufeinander zuzugehen.»
Simon Dovi ist engagierter Christ und sagt, dass ihm der Glauben hilft, das Leben so zu nehmen, wie es ist. Er gehört der evangelischen Kirchgemeinde Lazare in Bussigny bei Lausanne an.
Selten im Kino
Hat Simon Dovi neben Arbeit, Familienleben und seinen vielen Entwicklungsprojekten noch Zeit für Hobbys? «Ich lese gern, und wenn es das Familienbudget zulässt, gehen meine Frau und ich ins Kino, doch das ist eher selten!»

