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Bus und Bahn

Bessere Arbeitsbedingungen gegen den Personalmangel!

Der Mangel an Busfahrer:innen und Lokpersonal beschäftigte sogar die Westschweizer Tagesschau. Foto: Screenshot aus der Sendung «19:30» von RTS

In der französischen Schweiz werden bei öV-Unternehmen Kurse gestrichen. In der deutschen Schweiz hat sich die angespannte Situation bei den Busbetrieben entschärft, nicht aber auf der Schiene. Gegen Fehltage und Personalmangel wirkt die Rekrutierung von mehr fahrendem Personal – und dafür braucht es verbesserte Arbeitsbedingungen.

Ende August thematisierte die Tagesschau «19.30» von RTS die Konsequenzen des Personalmangels bei gewissen öV-Unternehmungen. Zwei frisch pensionierte Chauffeure der TransN in Neuchâtel erläuterten, wie der Arbeitsstress in den letzten Jahren mit der Erhöhung des Fahrtakts im städtischen Verkehr gestiegen ist. «Manchmal fahren wir an zehn Tagen hintereinander», erklärt Jacques Solande. «Der Mensch hält so etwas nicht mehr aus. Man ist acht Stunden in der Stadt, fährt nur in der Stadt … Die Chauffeure haben die Nase voll». Als Resultat sind die krankheitsbedingten Absenzen gestiegen, und die Direktion musste Kurse streichen. Da die Quote der Fehltage diesen Sommer auf über 10 % gestiegen ist, werden die Mitarbeitenden regelmässig an ihren Freitagen aufgeboten. «Wir schaffen es nicht, die krankheitsbedingen Absenzen auf das Niveau vor Covid herunterzudrücken, war die Reaktion von TransN-Produktionschef Gabriel Schneider gegenüber RTS. «Ausserdem müssen wir andere Faktoren wie die Personalzufriedenheit im Auge behalten.»

Schon letzten Herbst kam es bei TPG und Postauto zu Kursstreichungen. Betroffen sind auch andere Unternehmen, die mit den eng getakteten Kursen im Stadtverkehr spielen, damit die Fahrgäste nur einfache Verspätungen registrieren. Mangel an Bus- und Tramfahrern herrschte im Sommer 2022 auch in Basel, Zürich, Aarau und Lenzburg. Die meisten Deutschschweizer Betriebe nahmen das Problem ernst und versuchten, zusätzliches Personal zu rekrutieren und Reserven zu schaffen, um die Absenzen abzufedern – sogar mit Büropersonal. Auch der Bahnsektor bleibt nicht verschont. Die Petition des Fahrpersonals der TPC (Chablais) vom Juli gegen Dienstplanänderungen ohne vorgängige Konsultation betraf auch das Lokpersonal. Der Personalmangel der TPC bleibt akut und eine neue Petition ist in Arbeit. Auch in der deutschen Schweiz ist die Situation angespannt, vorab bei RhB, Zentralbahn und Thurbo. Diese versuchen das Problem mit Zulagenzahlungen bei Abruf am freien Tag zu lösen. «Unsere Kollegen müssen auf ihre Gesundheit achten und Einsätze an ihren Ruhetagen ablehnen», warnt SEV-Vizepräsident Christian Fankhauser besorgt.

In der Romandie steht der ganze öV-Sektor unter Druck. Laut RTS wurde ein allgemeiner Anstieg der Fehlzeiten um rund 2 % festgestellt. «Es ist ein Problem, dass man bei einer zermürbenden Arbeit wie der des Fahrens, die während Stunden eine hohe Konzentration erfordert, krank wird. Viele steigen darum aus dem Beruf aus. Wo aus Spargründen kein Reservepersonal mehr vorhanden ist, werden die Leute aus ihren gesundheitlich notwendigen Ruhetagen zur Arbeit gerufen, sodass auch sie krank werden. Das ist ein Teufelskreis», kritisiert Jean-Pierre Etique, Gewerkschaftssekretär SEV. Er fordert die Unternehmen, die Kantone und den Bund auf, nicht zulasten des Personals zu sparen. Er kritisiert auch die Touren, «die so gestaltet sind, dass eine nahezu maximale Auslastung erreicht wird. Das bedeutet, dass Pausen oder Endzeiten auf das gesetzliche Minimum reduziert werden und die Fahrer fast immer hinter dem Steuer oder im Führerstand sitzen, manchmal fünf Stunden am Stück. Dies zusammen mit den langen Dienstschichten beeinträchtigt unsere Kolleg:innen gesundheitlich. Man muss das Wohlbefinden berücksichtigen, um diese Berufe attraktiv zu machen, anstatt Jagd auf Kranke zu machen. Mit attraktiven Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, Schichtlängen und echte Reserve) werden sich die Fragen des Personalmangels und der Fehlzeiten viel leichter lösen lassen!»

Yves Sancey

Kommentare

  • Matthias Currat

    Matthias Currat 13/02/2024 21:39:49

    Vielleicht müsste man darüber nachdenken, den Ticketverkauf direkt beim Fahrpersonal früher als erst 2035 abzuschaffen. Dies ist in meinen Augen der grösste Stressfaktor, insbesondere wenn Fahrgäste nicht mal genau wissen, was sie eigentlich brauchen oder / und noch nicht mal einen kleinen Geldschein oder zwei bis drei grössere Münzen bereit halten. Nach der Pandemie hatte ich die Hoffnung, dass so gut wie alle Leute auf das Handy umsatteln, aber das ist leider nicht geschehen, bzw. man hat sich wieder zurückentwickelt. Wenn man sich wieder rein auf das Fahren konzentrieren könnte, wäre der Beruf bereits wieder um einiges attraktiver. Grüsse aus der Nordschweiz.