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Bus

Bereit für Widerstand

Am 11. Mai haben sich rund 60 Busfahrerinnen und Busfahrer aus verschiedenen Transportunternehmen in Bern zur Branchentagung Bus getroffen. Neben der Gesundheit am Arbeitsplatz und der Ausschreibung von Buslinien beschäftigte sie vor allem der Druck, den die Unternehmen als Folge von Corona auf ihr Personal ausüben. Die hohen Organisationsgrade ermöglichen aber eine starke Reaktion der Gewerkschaft.

Der Branchenvorstand VPT Bus (von links): Carmelo Scuderi, Dominik Plüss (neu), Vincenzo Leggiero, Dashurije Tafolli, Marcel Betschart, Elisabeth Küng und Sandro Bonomi.

Wie schon am Vorabend an der Branchentagung Bahn und Touristik In Biel hat VPT-Zentralpräsident Gilbert D'Alessandro die «Haltung unserer Direktionen, die uns immer wieder erklären, dass wir den Preis für die Pandemie bezahlen müssen» angeprangert. «Was sie immer wieder zu sagen vergessen: Dass sie Geld vom Bund, den Kantonen und Gemeinden bekommen haben! 93 Millionen Franken Corona-Entschädigungen für den Lokalverkehr nur für 2020 (Zahlen des BAV). Das ist nicht nichts! Und die gleichen Unternehmen sprechen nun vom Notstand und wollen sich bei ihrem Personal bedienen, das während der Pandemie an der Front stand. Da sind wir nicht einverstanden!»

Ein Vorstandsmitglied hat sich ebenfalls empört: «Angesichts einer gewissen Arroganz der Vorgesetzten, die wir in zahlreichen KTU spüren, von Attacken gegen Kollegen, die aus nichtigen Gründen oder mit belastenden Verfahren entlassen werden, Angriffen gegen die Gewerkschaft durch nicht respektieren des GAV und seiner Bestimmungen, müssen wir uns organisieren, die Reihen schliessen und Klartext reden!». Ein Kollege aus Genf hat darauf hingewiesen, dass die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) die Schweiz auf die Schwarze Liste gesetzt hat, weil sie die Menschenrechte beim Kündigungsschutz für aktive Gewerkschafter:innen verletzt. Diese Rechte sind durch die Konvention 98 der IAO garantiert, die die Schweiz unterzeichnet hat. Präsident Giorgio Tuti wies darauf hin, dass diese Frage ein zentrales Anliegen bei den nächsten Kongressen von SGB und SEV sein werde. Auch die schwierigen Beziehungen zu den Unternehmen werden ein grosses Thema sein.

Kaufkraft und Inflation

Die Löhne und die sinkende Kaufkraft bei einer Inflation von 2,5 % waren Grund für Sorgen in mehreren Wortmeldungen. Giorgio Tuti widmete sich in seiner Ansprache ausführlich den Themen Rente und Pensionierung. Er betonte, dass der Widerstand gegen AHV 21 sehr wichtig ist, und dass sowohl die 13. AHV-Rente als auch die zukünftige Finanzierung der AHV durch einen Teil der Nationalbankgewinne im Vordergrund stehen. Gilbert D’Alessandro und Elisabeth Küng, die den Branchentag leitete, bedankten sich abschliessend bei Giorgio Tuti für 25 Jahre beim SEV, davon 14 als Präsident. Valérie Solano, frühere Busverantwortliche und jetzt zuständig für die SBB, wurde ebenfalls mit Dank verabschiedet wie auch Françoise Gehring, die bald in Rente geht und letztmals am Branchentag des VPT teilnahm.

Den Abschluss des Vormittags bildete die Präsentation der Resultate der Umfrage zur Gesundheit am Arbeitsplatz von SEV, Syndicom, VPOD und Unisanté. Wir kommen in einer späteren Ausgabe ausführlich darauf zurück. Die Diskussionen im Saal bestätigten die Resultate zu den beschwerlichen Umständen des Berufs, wobei Schichten von über 10 Stunden, Verhalten der Reisenden und lange Arbeitsabschnitte ohne Zugang zu Toiletten im Vordergrund standen.

Der Nachmittag war der Mitgliederwerbung gewidmet. «Mit 331 neuen Mitgliedern ist 2022 einer der besten Jahresanfänge gelungen», freute sich D’Alessandro (siehe oben), der betonte, «je besser wir organisiert sind, umso stärker sind wir!».

SEV-Vizepräsident Christian Fankhauser berichtete über die Ausschreibung der Buslinien im Jura und zeigte auf, wie absurd ein System ist, das von einer Verbesserung über einen Wettbe-werb ausgeht, der letztlich nur die Senkung der Kosten zum Ziel hat. Nach Monaten des Kampfes und der Ungewissheit für die Kolleg:innen wurde die Möglichkeit, die Linien an ein Unternehmen ohne GAV zu vergeben, von Postauto erst im allerletzten Moment verworfen. Letztlich bekommen die Kolleg:innen von CJ nun einen guten GAV und müssen ihre Pensen nicht reduzieren, wie es beabsichtigt war. «Eine nationale Kampagne – oder allenfalls in jedem Kanton – gegen die Untervergabe könnte nützlich sein, um die rechtlichen Grundlagen dazu anzupassen», schloss Christian Fankhauser.

Die Versammlung wählte einstimmig und mit Applaus Dominik Plüss, Chauffeur bei RBS, als neues Mitglied in den Zentralvorstand. Sie verabschiedete zudem einstimmig eine Resolution, welche die Aushandlung eines Firmen-GAV bei VZO fordert. Wie schon am Vorabend, stellte Laurent Juillerat seinen Kongress-antrag für den Schutz des Regionalverkehrs mit niedriger Rentabilität vor.

Fotos

Yves Sancey / Übersetzung: Peter Moor